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Schnipsel

Jonathan Franzen - "Die Korrekturen"

Rezension von Werner Friebel

Familiensagas belasten ja oft schwer die geistige Verdauung, zumal die meisten als fettleibige Schmöker daherkommen, mit viel literarischem Leerlauf aufgeblasen sind und sich einer ausgetretenen Sprache bedienen.
Diese Klippen hat Jonathan Franzen in seinen "Korrekturen" meisterlich umschifft. Zwar hat die gebundene Ausgabe auch immerhin 782 Seiten, die jedoch sind mitreißende Unterhaltung, in der der Autor ein kompliziertes und zeitlich verschachteltes Beziehungsgeflecht in Worte gefasst hat.
Anhand der Geschichte der Lamberts entsteht ein Sittenbild und sensibles Psychogramm einer amerikanischen Mittelstandsfamilie aus dem Mittelwesten. Vor dem Hintergrund kleinbürgerlicher Normierungen entwickelt sich ein deprimierendes Katastrophenszenario, das aber mit staubtrockenem Humor, realistisch und nachvollziehbar erzählt wird.
Wie ein roter Faden zieht sich die fortschreitende Parkinson des Familienvaters Alfred durch die Handlung, die durch wechselnde Perspektiven schnell an Fahrt gewinnt. Seine Frau Enid, die ihn pflegt und darunter leidet, wünscht sich zu Weihnachten noch einmal eine Familienzusammenkunft mit ihren drei völlig unterschiedlich gearteten, erwachsenen Kindern, bei der die divergierenden Lebensentwürfe der Protagonisten aufeinander prallen.
Auf der einen Seite die unerfüllten Lebens-Sehnsüchte der Alten, andererseits Gary, der erfolgreiche Banker in einer Sinnkrise, Chip, der Lebenskünstler am Rande krimineller Machenschaften und Denise, die "femme fatale"-Emanze und gescheiterte Spitzenköchin.
Mit seinen überraschenden, treffenden Sprachbildern und genau ausgeloteten Charakterstudien gelang Franzen ein formidables, äußerst unterhaltsames Buch, das Anspruch und Lesbarkeit feinsinnig vereint.
Der SPIEGEL: "Eine Sensation."

Rowohlt
782 Seiten
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