media animati.gif 4ways
Schnipsel

Der Oxer

Eine Geschichte von Martina Thomsen

Da vorne wurde es heller, die Bäume standen lichter. Nur noch über das Feld und dann über die Ziellinie. Sie waren allein, hatten einen großen Vorsprung vor dem Hauptfeld. Weit und breit nur sie und der Hengst. Sie spürte seine Kraft , wie seine Muskeln spielten und seine Beine an Raum gewannen. Der weiche Waldboden dämpfte das Geräusch der Hufe, fast lautlos flogen sie dahin.
Wo blieben sie nur, es war doch wohl nichts passiert? Nein, Nicole würde aufpassen, dass dem Hengst nichts zustieß, sie war eine gute Reiterin, konnte die Gefahr einschätzen. Aber was, wenn der Hengst sich nicht kontrollieren ließ? Er war von Anfang an nicht davon angetan gewesen, eine Frau auf seinem Hengst reiten zu lassen. Ein so kräftiges Tier gehörte nicht in Frauenhände! Doch das Vieh war ja so sensibel, ließ einfach keinen Mann aufsitzen. - Verrückt!
Sie hatten den Wald verlassen, mühelos überwanden sie den Wassergraben, preschten weiter Richtung Ziel. Doch da war noch der Oxer, dieser verdammte Oxer! Wie oft waren sie im Training daran gescheitert? Hatten sie ihn überhaupt einmal korrekt überwunden? Sie hatte den Hengst nie zu etwas gezwungen, was er nicht wollte, dazu gehörte auch der Oxer. Sie hatten ihn immer ausgelassen, aber jetzt mussten sie darüber, wenn sie siegen wollten. Da kamen sie aus dem Wald, nur noch dieser lächerliche Oxer und dann hätte sein Pferd gewonnen. Die Vorfreude war riesig. Es würde ihm viel geld einbringen und den Wert des Tieres enorm steigern. Kaufinteressenten würden Schlange stehen.
Der Hengst spitzte die Ohren, visierte den Oxer an. Nervös schnaubte, schielte auf das verhasste Hindernis, verkürzte leicht das Tempo und spannte jeden Muskel seines Körpers an. Noch vier Galloppsprünge, drei, zwei, einer.... Im letzten Augenblick grub der Hengst seine Vorderhufe tief in den Sand. Rutschend versuchte er zum Stehen zu kommen. Er war zu schnell gewesen, hatte zu viel Schwung, er würde es nicht schaffen vor dem massiv gebauten Hindernis zum Stehen zu kommen. Balken krachten, so plötzlich gebremst ging das Tier hart zu Boden, begrub seine Reiterin unter seinem massigen Körper und blieb schwer verletzt auf dem schlammigen Boden liegen. Es war alles aus.


e-mail an die Autorin      tierische Übersicht      Schnipsel-Hauptseite