Delirium genitalisGroteske von Werner FriebelEin Uhr nachts war längst vorüber, als Fridolin vom Wirt seiner Stammkneipe endgültig zum Gehen aufgefordert wurde. Er war, wie oft, der letzte Gast, und das helle, ungemütliche Licht, mit dem der Wirt zur Sperrstunde die letzten Trinker hinauszukomplimentieren pflegte, ließ Fridolin die Aussichtslosigkeit einer weiteren Bestellung erkennen. Die meisten Stühle lagen schon mit ihren Sitzflächen auf den Tischen und reckten ihre, vom Gewicht bierbäuchiger Männerleiber befreiten Beine in die klebrige Luft. "Brauchst noch'n Taxi, Becker?", fragte der Wirt in jenem jovialen und gleichzeitig spöttischen Tonfall, der sich seiner Stimme in all den biergezapften Jahren und der daraus entstandenen Überheblichkeit bemächtigt hatte. Fridolin schüttelte den Kopf und leerte sein Glas. Der Wirt half ihm in die Jacke, in deren Taschen er augenzwinkernd zwei Schnapsfläschchen gleiten ließ und bugsierte seinen Stammgast zur Tür hinaus, um die hinaufgestellten Stühle vor Anrempelungen zu schützen. Wie ein unerwarteter Schlag machte die kühle Herbstluft Fridolin benommen; er lehnte sich an die Hauswand und hörte das metallische Schnappen der Türriegel hinter sich. Langsam begann er, in engem Kontakt mit Zäunen und Hausmauern, den Fußweg entlang zu schwanken, immer wieder inne haltend, um einen säuerlichen Rülpser in die Stille der Nacht zu entlassen. Als er zwei junge Burschen entgegen kommen sah, versuchte Fridolin Becker, seine Füsse möglichst sicher voreinander zu setzen und jenen stattlichen Eindruck zu erwecken, den er sich selbst allmorgendlich vor dem Spiegel zugestand. Doch die Beiden schlenderten, sich leise unterhaltend, an ihm vorüber, ohne ihn anzupöbeln oder auf andere Weise Notiz von ihm zu nehmen.
Plötzlich wurde ihm die Vorstellung, nun gleich neben seinem dürren, nie begehrten Frauenzimmer zu liegen, höchst unbehaglich.
Erinnerungsfetzen, von der Trunkenheit sorgfältig gesiebt und angenehm eingefärbt, baumelten zwischen Fridolins Auge und Brillenglas.
Langsam, immer wieder stolpernd, schritt Fridolin die Häuserfront der Altstadt entlang.
Der Autohändler Fridolin Becker war am Ziel seiner Träume. Am Morgen wurde er unsanft geweckt.
© wf/ Anthologie "Gedanken im Netz" (2001)
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